
- Paris - dici / Pixelio.de
Ausrüstung und Ausbildung der Artillerie waren schwerpunktmäßig von der Annahme bestimmt, dass der Krieg von 1914 beweglich geführt werden wird. Somit waren leichtere Feldkanonen das Rückgrat der Truppe. Um aber auch die Möglichkeit zu haben Befestigungen zu zerstören, waren ergänzend 10,5 cm Haubitzen-Geschütze, die im Bogenschuss feuern konnten, eingeführt worden. Eine schwere Artillerie wurde ebenfalls aufgebaut und mit Haubitzen im Kaliber 15 cm und 21 cm ausgerüstet, später auch bis zu 42 cm zum Bekämpfen von Festungen aus Beton und Stahl.
Ab Herbst 1914 begannen Überlegungen, ob man nach Erreichen des Ärmelkanals bei Calais mittels verbesserter Geschütze den britischen Hafen von Dover beschießen könnte – eine Distanz von etwa 33 km, was eine Schussweite von 35-40 Km erforderlich machte. Zwar blieb der deutsche Vormarsch auf dem Weg zur Küste stecken, aber eine offizielle Anfrage an Krupp war bereits erfolgt und dort ging man sofort an die Arbeit...
Das Parisgeschütz von Krupp
Als Grundlage der Entwicklung dienten großkalibrige Marinegeschütze, für die man bereits Reichweiten von 28 Km errechnet hatte. Die Tests begannen mit dem firmeneigenen 35,5 cm Geschütz, Luftwiderstands-reduzierter Munition, starken Treibladungen und 45° Rohrerhöhung. Die Leitung hatte Major Professor Rausenberger und der erste Schuss erzielte bereits eine Reichweite von 49 Km. Da die Schussweite deutlich höher lag als zunächst erwartet worden war, kam man so den unterschiedlichen Luftdichten auf die Spur.
1916 beabsichtigte man, ein überlanges 21 cm-Rohr in ein größerkalibriges zur Stabilisierung einzusetzen und mit sehr starken Treibladungen 100 kg-Geschosse auf bis zu 1500 m/s zu beschleunigen. Krupp ging im Herbst 1917 an die Umsetzung – in ein 38 cm-Eisenbahngeschütz wurde ein 28 m langes Rohr im Kaliber 21 cm eingesetzt. Auf dem Marineschießplatz Altenwerder (Cuxhaven) erfolgte am 20. November die erste Schussabgabe, die Geschossbahn führte mehr als 100 km parallel zur Küste! Bis Ende Januar 1918 wurden die Versuche fortgesetzt und zum Schluss eine Reichweite von 126 Km erreicht.
Erstmals mussten nun zur Berechnung der Richtwerte die Erdkrümmung und -rotation berücksichtigt werden. Auch die Geschosse wurden weiterentwickelt: Zum Ausgleich der Rohrabnutzung nach jedem Schuss, wurde jede einzelne Granate etwas dicker als die vorher verschossene produziert – die Munition musste also zwingend in festgelegter Reihenfolge das Rohr verlassen. Man ging auch von Kupfer-und Messingführungsbändern der Granaten zu solchen aus Stahl über, da sonst bereits nach halber Rohrlänge beim Abschuss zu viel Spiel entstand.
Technische Daten und Aufbau des Fernkampfgeschützes
Die Gesamtrohrlänge betrug 37 Meter, wobei das 30 m lange gezogene Rohr im Kaliber 21cm in ein 17m langes Mantelrohr vom Typ „Langer Max“ eingesetzt war. Ein Spannwerk, ähnlich einer Hängebrücke, schützte gegen Durchhängen. Die verschossenen Sprenggranaten wogen 106 kg und führten eine Sprengmasse von 7 kg mit; die Treibladungen wogen bis zu 196 kg. Die Gesamtmasse des Geschützes lag bei 140 Tonnen, somit konnte es nur mit Eisenbahntransport in seine Stellungen gebracht werden – es war aber kein Eisenbahngeschütz! Das Parisgeschütz schoss nicht von den Gleisen herunter, sondern aus eigens gefertigten Bettungen aus Stahl und Beton. Die Bedienung erfolgte durch eine Mannschaft von bis zu 80 Marinesoldaten, da die Marine mit Großkalibern mehr Erfahrung hatte, und durch eine zivile Ingenieursgruppe. Der maximale Richtwinkel lag bei 55°; somit konnten erstmals Granaten bis in eine Höhe von 40 Km, also bis in die Stratosphäre, gelangen.Als maximale Reichweite wurden 130 km erzielt. Zu Ehren des Kaisers erhielt das vollendete Projekt den Namen „Wilhelmgeschütz“.
Einsatzgeschichte und Verbleib
Es wurden nur drei dieser Waffensysteme gefertigt, die aus verschiedenen Stellungen insgesamt etwa 350 bis 400 Granaten auf Paris abfeuerten. Die ersten Einsätze erfolgten im Rahmen der deutschen Frühjahrsoffensive. Am 23. März 1918, dem ersten Einsatztag, besuchte sogar Kaiser Wilhelm II. die Stellung. Der erste von insgesamt 22 Schuss an diesem Tag fiel bei kaltem, nebligem Wetter um 07:15 Uhr und schlug auf dem Place de la République ein. Es entstand nur geringer Schaden, aber die moralische Wirkung war groß – glaubte man zunächst noch an einen Luftangriff, so erwartete man kurz darauf sogar eine Zerstörung der Stadt innerhalb eines halben Jahres.
Am 25. März ging aber bereits das erste Parisgeschütz verloren - es explodierte bei der Schussabgabe.
Die Geschützstellungen lagen in der Nähe bestehender Eisenbahnstrecken, in Deckung dichter Wälder und unter Tarnnetzen verborgen. In die Stellungen führten mehrgleisige Zufahrtstrecken. Darüber hinaus wurden Scheinstellungen, ebenfalls mit Gleisanschluss, angelegt. Doch nicht nur die Stellungen selbst mussten getarnt werden – durch verbesserte Ortungsmöglichkeiten im Bereich der Licht- und Schallmesstechnik wurde nur tagsüber bei gleichzeitigem Einsatz mehrerer schwerer Batterien geschossen. Bei Fliegergefahr wurden alle Aktivitäten eingestellt. Zur Absicherung waren ein Infanterie-Bataillon und eigene Fliegerkräfte abgestellt.
In den Geschützstellungen wurde das Pulver auf konstant 15° temperiert; zwischen den Schüssen wurde jeweils der vergrößerte Ladungsraum vermessen und die erfassten Gasdruckmessungen ausgewertet, denn eine herkömmliche Feuerleitung war aufgrund der Entfernung zum Ziel nicht mehr möglich. Vieles erfolgte nun auf der Basis von Berechnungen, aber zumindest zeitweise unterstützt von Meldungen der französischen Zeitungen und deren Auswertung zu einem Trefferbild.
Von der verschossenen Munition trafen nach drei Minuten Flugzeit wohl etwa 180 Granaten die Pariser Altstadt und der Rest die Außenbezirke. Nach jeweils etwa 65 Schuss mussten die Rohre aufgebohrt werden. Aufgrund der verschleißbedingten neuen Schusswerte wurden die Geschütze in neue Stellungen verbracht, die näher an Paris lagen. Durch die Wartungen und Verlegungen kam es mehrfach zu länger andauernden Feuerpausen.
Durchschnittlich 8 mal am Tag wurden die Geschütze abgefeuert, bis sie im allgemeinen Rückzug im August 1918 abgezogen und verschrottet wurden. Ebenfalls vernichtet oder unauffindbar versteckt wurden alle Konstruktionspläne, so dass die Alliierten nie mehr als geräumte Stellungen zu Gesicht bekamen.
Fazit
Einen wirklichen militärischen Nutzen hatten die Parisgeschütze nicht, schon aufgrund der geringen Präzision und der schwachen Sprengladung. Anfangs kann ihnen aber zumindest eine psychologisch-moralische Wirkung zugesprochen werden. 256 tote Zivilisten und 620 Verwundete sind die Bilanz des Einsatzes, davon sehr viele durch einen Volltreffer in eine Kirche während des Karfreitag-Gottesdienstes am 29.03.1918.
Die Stellung bei Crépy-en-Laonnois existiert noch und ist in Frankreich als historisches Monument eingestuft. In der Wehrtechnischen Studiensammlung Koblenz befindet sich das maßstäblich verkleinerte Modell eines Parisgeschützes in seiner Feuerstellung.
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